Dung´s Tagebuch

Dieses Thema im Forum "Operationen" wurde erstellt von Ext3R, 1. Oktober 2017.

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  1. Ext3R

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    Dies ist das Tagebuch eines Vietnamesischen Jungendlichen namens Dung. Es soll Informationen über die Zeit des Vietnam Krieges bereitstellen - zu viel möchte ich bisher aber nicht verraten.

    Dieser erste Beitrag wird später um ein Glossar erweitert, um die vietnamesischen Wörter auch korrekt zuordnen zu können.

    Glossar
    ARVNArmee der Republik Vietnam(Süden) / Regierungstruppen von Südvietnam
    Bao DaiKaiser von Vietnam (Nguyễn-Dynastie)
    Diem (Ngô Đình Diệm)Premierminister / Präsident Südvietnams ("Amerikas Marionette")
    DungHauptperson, fiktiver Verfasser des Tagebuchs
    May manDorf in der Provin Tay Ninh, Dung´s Heimatdorf
    Saigon (Hio Chi Minh)Hauptstadt Süd-Vietnams
    Tay NinhVietnamesische Provinz und Dung´s Heimat
    Viet MinhAlte Widerstandskämpfer im 2. Weltkrieg und Indochinakrieg (ab 19.12.1946) ... (Liga für die Unabhängigkeit Vietnams)
     
    #1 Ext3R, 1. Oktober 2017
    Zuletzt bearbeitet: 7. Oktober 2017
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    001 - 21.02.1955
    Hallo liebes Tagebuch,
    mein Name ist Dung und ich wohne zusammen mit meinen Eltern und mit meinem Bruder in einem kleinen Dorf in der Provinz Tay Ninh. Unser Dorf hat keinen Namen, doch wir nennen es oft “May man”, was so viel bedeutet wie “gesegnet”. Tay Ninh liegt weit im Süden von Vietnam und grenzt im Norden und Westen an die kambodschanische Grenze. Die Provinz steht unter starker Kontrolle durch Regierungstruppen aus Saigon - der Hauptstadt Vietnams.
    Wir sind Kleinbauern und besitzen nicht sehr viel Land. Trotzdem können wir uns nicht beklagen, denn wir führen ein schönes und naturnahes Leben und haben genug zum Essen und Trinken.
    Meine Eltern haben oft wenig Zeit für mich. Darum unternehme ich viel mit meinem großen Bruder. Er hat mir schon viel beigebracht und ich bin sehr stolz auf ihn. Meine Eltern haben es geschafft ihm ein Studium zu finanzieren und er zeigt mir oft Dinge, die er gelernt hat. Leider haben meine Eltern nicht genug Geld um mir nächstes Jahr auch ein Studium finanzieren zu können, aber das stört mich nicht sehr. Ich mag unser Leben auf dem Land und bin sehr zufrieden so viel in der Natur zu sein.


    Trotzdem Tay Ninh unter der Kontrolle Saigoner Regierungstruppen steht werden unsere nördlich gelegenen Dörfer oft von kambodschanischen Banden überfallen und ausgeraubt. Mein Dorf liegt zum Glück weiter im Süden, sodass wir bisher vor Angriffen der Banden verschont blieben.

    Nachdem im letzten Jahr Diệm als Premierminister durch unseren Kaiser Bảo Đại eingesetzt wurde entflammte überall im Land Unruhe. Das Leben in unserem Dorf fühlt sich irgendwie angespannt an. Diem vertritt Ansichten, die viele von uns “Kommunisten” nicht akzeptieren können, doch wehren können wir uns nicht. Ruhig bleiben und beobachten ist angesagt. Was soll ein einzelner Bauer schon entgegensetzen können?

    300px-Tay_Ninh_in_Vietnam.svg.
     
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    002 - 09.05.1955
    Hallo Tagebuch,
    Ich habe gewusst, dass unser Premierminister und amerikanische Marioette Diem keine große Bereicherung für uns ist, aber dass es zu Aktionen dieser Größe kommt hätte ich nicht erwartet.

    Zur Zeit herrscht viel Aufruhr in unserem Dorf, denn letzte Woche versuchte Diem die Macht unserer drei großen, in Vietnam vertretenen Sekten zu brechen. Man erzählt sich, er marschierte mit drei großen Divisionen in Saigon ein um die Widerstände zu zerschlagen. Anscheinend gelang es ihm (mit sehr großen Verlusten) und er handelte sich viele Feinde ein. Der Kampf soll etwa eine Woche gedauert haben (27.04.-02.05.1955) und die meisten Viet Minh Kämpfer (Liga für die Unabhängigkeit Vietnams - "alte" Widerstandskämpfer) flohen nach Nordvietnam. Mehr haben wir bisher leider nicht erfahren.

    In unserem Dorf sind bisher zum Glück keine Auswirkungen erfolgt, doch die Angst vor den Folgen ist deutlich spürbar.
     
    #3 Ext3R, 2. Oktober 2017
    Zuletzt bearbeitet: 4. Oktober 2017
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    003 - 17.06.1955
    Hallo Tagebuch,
    heute marschierten Regierungstruppen (ARVN - Armee der Republik Vietnam) in unser Dorf ein. Sie schrien Denunziationskampagne … oder so ähnlich und entführten viele Bewohner. Es ist schwer diese Zeilen zu schreiben. Meine Augen sind mit Tränen erfüllt und ich bin nicht der Einzige in unserem Dorf, der nicht schlafen kann.


    Sie haben meinen Bruder!!!
    Die ARVN marschierte ohne Vorwarnung in unsere Häuser ein, schlug auf hilflose alte Menschen ein und zerstörte große Teile unserer Einrichtungen und Vorräte. Meine Eltern und ich wurde verschont. An diesem Abend sprach keiner ein Wort. In unserem Dorf ist Stille eingekehrt und keiner verließ sein Haus.

    Ich verstehe nicht, wieso mein Bruder da mit drin steckt, denn er ist doch nur ein normaler Student! Komisch ist, dass die Regierungstruppen nicht nur Viet Minh Kämpfer, sondern auch Sektenführer, Studenten, kritische Journalisten, Mitglieder kleiner Parteien und Gewerkschafter entführten.

    Ich hoffe meinem Bruder geht es gut - wo immer er gerade sein mag.
     
    #4 Ext3R, 4. Oktober 2017
    Zuletzt bearbeitet: 4. Oktober 2017
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    004 - 01.08.1956
    Zwei Wochen ist es nun her, als eine neue Verordnung erlassen wurde. Angeblich erlaubt sie den Verwaltungen alle bedrohlichen und potenziell gefährlichen Personen zu inhaftieren. Ich habe jedoch das Gefühl, dass diese Verordnung oft missbraucht wird, um persönliche Gegner der Regierung verschwinden zu lassen. Heute spürten wir die Auswirkungen der Verordnung auch in unserem Dorf. Es erinnerte mich sehr an die Denunziationskampagne im letzten Jahr. ARVN Kämpfer durchsuchten unsere Häuser und entführten schier willkürlich gewählte “Regierungsfeinde”. Sie durchkämmten auch den umliegenden Wald - anscheinend auf der Suche nach einem geflohenen Freund meiner Eltern. Wahrscheinlich versuchte die ARVN einfach möglichst viele Personen zu verhaften, um attraktive Zahlen an die Regierung liefern zu können und Lob für ihre Taten einzustreichen.

    Im Zuge der Denunziationskampagne im letzten Jahr schienen mehr als 10`000 Vietnamesen entführt worden zu sein. Man erzählt sich, dass alle in Lager oder Gefängnisse gebracht worden.
    Ich habe mich oft bemüht meinen Bruder zu suchen, aber bisher nur haltlose Informationen erhalten und keinen Erfolg gehabt. Ich vermisse ihn sehr. Meine Eltern haben früher wenig Zeit für mich gehabt, weil sie draußen auf dem Feld arbeiteten. Mein Brude zeigte mir oft unsere Natur und wir verbrachten viel Zeit zusammen. Ich wünsche nichts mehr als seine Rückkehr.
     
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    005 - 09.04.1959
    Heute wurde durch Diem ein neues Gesetz “10/59” erlassen . Militärgerichte sollen errichtet werden und jeder “Regierungsfeind” soll das Recht auf einen neutralen Verteidiger bekommen. Das lässt mich hoffen, dass mein Bruder unter diesen “Regierungsfeinden” ist und immer noch lebt. Viele Jahre sind bereits vergangen, doch ich gebe die Hoffnung nicht auf und freue mich darauf, dass er eines Tages in unser Dorf zurückkehrt.
     
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    Nach der Erlassung von Gesetz 10/59 macht sich große Unruhe breit. Anscheinend sind bisher ca. 10.000 Personen inhaftiert und 800 Personen zum Tode verurteilt worden. Bisher scheint das Militärgericht nur Inhaftierung oder Tod zu verurteilen. Nie gab es ein anderes Ergebnis. Abgekartetes Spiel! In unserem Dorf ist die Situation sehr angespannt. Viele Familienmitglieder werden vermisst und keiner weiß irgendwas. Ich spüre, dass die Hoffnungen auf Rückkehr bei den Meisten zu brechen beginnen.

    Hierzulande hört man von bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der ARVN und verschiedenen kleinen Stämme. Das Volk der Kor soll vor einigen Tagen das Dorf teo Reo überfallen haben und dort eine Garnison mit ihren 60 ARVN-Kämpfern ausgerottet haben. Wenigstens ein kleiner Lichtblick.
     
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    007 - 02.06.1959
    Die Zahl der inhaftierten und zum Tode verurteilten “Regierungsgegner” steigt stetig. Heute wurde - wohl auf Druck der Amerikaner - eine Bodenreform ausgerufen und eingeleitet.

    Diese verordnet das Enteignen von Feldern kleiner Bauern und die Abgabe ihrer Nutzfläche an Großgrundbesitzer. Wir sind ratlos und haben keine Ahnung, ob diese sinnlose Reform wirklich durchgeführt wird. Noch hoffen wir das Beste. Sollte uns wirklich der Boden genommen werden, haben wir keine Möglichkeit unser bisher schon schwieriges Überleben zu sichern.
     
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    008 - 07.06.1959
    Heute kahmen ARVN-Soldaten zu uns und nahmen uns unsere Felder. Mein Vater versuchte sich zu widersetzen und wurde von einem ARVN-Soldaten ins Gesicht geschlagen. Ihm geht es wieder gut - aber wie ich ihn kenne kann er das nicht auf sich sitzen lassen. Meine Mutter kümmert sich gut um ihn und versucht ihn zu beruhigen. Auch andere haben versucht sich zu widersetzen, doch sie kamen weniger gut davon. In unserem Dorf ist es sehr ruhig geworden und es wird kaum miteinander gesprochen.
     
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    009 - 27.07.1959
    Heute wurden Zahlen veröffentlicht, welche die Ausmaße der Bodenreform darlegten. Uns geht es sehr schlecht und meine Eltern sind verzweifelt. Der größte Bauer unseres Dorfes hat Teile seines Bodens zurück erhalten, jedoch weit weniger, als er abgegeben hatte. Alle anderen Bauern sind bisher leer ausgegangen.
    Angeblich wurden Landesweit über 650.000 Hektar Land enteignet, die Regierung gab jedoch nur 244.000 Hektar Land an private Bauern zurück. Wir hoffen, dass wir bald wieder etwas Land zurückbekommen werden, um uns über Wasser halten zu können.
     
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