Dung´s Tagebuch

Dieses Thema im Forum "Operationen" wurde erstellt von Ext3R, 1. Oktober 2017.

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  1. Ext3R

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    Dies ist das Tagebuch eines Vietnamesischen Jungendlichen namens Dung. Es soll Informationen über die Zeit des Vietnam Krieges bereitstellen - zu viel möchte ich bisher aber nicht verraten.

    Dieser erste Beitrag wird später um ein Glossar erweitert, um die vietnamesischen Wörter auch korrekt zuordnen zu können.

    Glossar
    ARVNArmee der Republik Vietnam(Süden) / Regierungstruppen von Südvietnam
    Bao DaiKaiser von Vietnam (Nguyễn-Dynastie)
    Diem (Ngô Đình Diệm)Premierminister / Präsident Südvietnams ("Amerikas Marionette")
    DungHauptperson, fiktiver Verfasser des Tagebuchs
    May manDorf in der Provin Tay Ninh, Dung´s Heimatdorf
    Saigon (Hio Chi Minh)Hauptstadt Süd-Vietnams
    Tay NinhVietnamesische Provinz und Dung´s Heimat
    Viet MinhAlte Widerstandskämpfer im 2. Weltkrieg und Indochinakrieg (ab 19.12.1946) ... (Liga für die Unabhängigkeit Vietnams)
     
    #1 Ext3R, 1. Oktober 2017
    Zuletzt bearbeitet: 7. Oktober 2017
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    001 - 21.02.1955
    Hallo liebes Tagebuch,
    mein Name ist Dung und ich wohne zusammen mit meinen Eltern und mit meinem Bruder in einem kleinen Dorf in der Provinz Tay Ninh. Unser Dorf hat keinen Namen, doch wir nennen es oft “May man”, was so viel bedeutet wie “gesegnet”. Tay Ninh liegt weit im Süden von Vietnam und grenzt im Norden und Westen an die kambodschanische Grenze. Die Provinz steht unter starker Kontrolle durch Regierungstruppen aus Saigon - der Hauptstadt Vietnams.
    Wir sind Kleinbauern und besitzen nicht sehr viel Land. Trotzdem können wir uns nicht beklagen, denn wir führen ein schönes und naturnahes Leben und haben genug zum Essen und Trinken.
    Meine Eltern haben oft wenig Zeit für mich. Darum unternehme ich viel mit meinem großen Bruder. Er hat mir schon viel beigebracht und ich bin sehr stolz auf ihn. Meine Eltern haben es geschafft ihm ein Studium zu finanzieren und er zeigt mir oft Dinge, die er gelernt hat. Leider haben meine Eltern nicht genug Geld um mir nächstes Jahr auch ein Studium finanzieren zu können, aber das stört mich nicht sehr. Ich mag unser Leben auf dem Land und bin sehr zufrieden so viel in der Natur zu sein.


    Trotzdem Tay Ninh unter der Kontrolle Saigoner Regierungstruppen steht werden unsere nördlich gelegenen Dörfer oft von kambodschanischen Banden überfallen und ausgeraubt. Mein Dorf liegt zum Glück weiter im Süden, sodass wir bisher vor Angriffen der Banden verschont blieben.

    Nachdem im letzten Jahr Diệm als Premierminister durch unseren Kaiser Bảo Đại eingesetzt wurde entflammte überall im Land Unruhe. Das Leben in unserem Dorf fühlt sich irgendwie angespannt an. Diem vertritt Ansichten, die viele von uns “Kommunisten” nicht akzeptieren können, doch wehren können wir uns nicht. Ruhig bleiben und beobachten ist angesagt. Was soll ein einzelner Bauer schon entgegensetzen können?

    300px-Tay_Ninh_in_Vietnam.svg.
     
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    002 - 09.05.1955
    Hallo Tagebuch,
    Ich habe gewusst, dass unser Premierminister und amerikanische Marioette Diem keine große Bereicherung für uns ist, aber dass es zu Aktionen dieser Größe kommt hätte ich nicht erwartet.

    Zur Zeit herrscht viel Aufruhr in unserem Dorf, denn letzte Woche versuchte Diem die Macht unserer drei großen, in Vietnam vertretenen Sekten zu brechen. Man erzählt sich, er marschierte mit drei großen Divisionen in Saigon ein um die Widerstände zu zerschlagen. Anscheinend gelang es ihm (mit sehr großen Verlusten) und er handelte sich viele Feinde ein. Der Kampf soll etwa eine Woche gedauert haben (27.04.-02.05.1955) und die meisten Viet Minh Kämpfer (Liga für die Unabhängigkeit Vietnams - "alte" Widerstandskämpfer) flohen nach Nordvietnam. Mehr haben wir bisher leider nicht erfahren.

    In unserem Dorf sind bisher zum Glück keine Auswirkungen erfolgt, doch die Angst vor den Folgen ist deutlich spürbar.
     
    #3 Ext3R, 2. Oktober 2017
    Zuletzt bearbeitet: 4. Oktober 2017
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    003 - 17.06.1955
    Hallo Tagebuch,
    heute marschierten Regierungstruppen (ARVN - Armee der Republik Vietnam) in unser Dorf ein. Sie schrien Denunziationskampagne … oder so ähnlich und entführten viele Bewohner. Es ist schwer diese Zeilen zu schreiben. Meine Augen sind mit Tränen erfüllt und ich bin nicht der Einzige in unserem Dorf, der nicht schlafen kann.


    Sie haben meinen Bruder!!!
    Die ARVN marschierte ohne Vorwarnung in unsere Häuser ein, schlug auf hilflose alte Menschen ein und zerstörte große Teile unserer Einrichtungen und Vorräte. Meine Eltern und ich wurde verschont. An diesem Abend sprach keiner ein Wort. In unserem Dorf ist Stille eingekehrt und keiner verließ sein Haus.

    Ich verstehe nicht, wieso mein Bruder da mit drin steckt, denn er ist doch nur ein normaler Student! Komisch ist, dass die Regierungstruppen nicht nur Viet Minh Kämpfer, sondern auch Sektenführer, Studenten, kritische Journalisten, Mitglieder kleiner Parteien und Gewerkschafter entführten.

    Ich hoffe meinem Bruder geht es gut - wo immer er gerade sein mag.
     
    #4 Ext3R, 4. Oktober 2017
    Zuletzt bearbeitet: 4. Oktober 2017
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    004 - 01.08.1956
    Zwei Wochen ist es nun her, als eine neue Verordnung erlassen wurde. Angeblich erlaubt sie den Verwaltungen alle bedrohlichen und potenziell gefährlichen Personen zu inhaftieren. Ich habe jedoch das Gefühl, dass diese Verordnung oft missbraucht wird, um persönliche Gegner der Regierung verschwinden zu lassen. Heute spürten wir die Auswirkungen der Verordnung auch in unserem Dorf. Es erinnerte mich sehr an die Denunziationskampagne im letzten Jahr. ARVN Kämpfer durchsuchten unsere Häuser und entführten schier willkürlich gewählte “Regierungsfeinde”. Sie durchkämmten auch den umliegenden Wald - anscheinend auf der Suche nach einem geflohenen Freund meiner Eltern. Wahrscheinlich versuchte die ARVN einfach möglichst viele Personen zu verhaften, um attraktive Zahlen an die Regierung liefern zu können und Lob für ihre Taten einzustreichen.

    Im Zuge der Denunziationskampagne im letzten Jahr schienen mehr als 10`000 Vietnamesen entführt worden zu sein. Man erzählt sich, dass alle in Lager oder Gefängnisse gebracht worden.
    Ich habe mich oft bemüht meinen Bruder zu suchen, aber bisher nur haltlose Informationen erhalten und keinen Erfolg gehabt. Ich vermisse ihn sehr. Meine Eltern haben früher wenig Zeit für mich gehabt, weil sie draußen auf dem Feld arbeiteten. Mein Brude zeigte mir oft unsere Natur und wir verbrachten viel Zeit zusammen. Ich wünsche nichts mehr als seine Rückkehr.
     
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    005 - 09.04.1959
    Heute wurde durch Diem ein neues Gesetz “10/59” erlassen . Militärgerichte sollen errichtet werden und jeder “Regierungsfeind” soll das Recht auf einen neutralen Verteidiger bekommen. Das lässt mich hoffen, dass mein Bruder unter diesen “Regierungsfeinden” ist und immer noch lebt. Viele Jahre sind bereits vergangen, doch ich gebe die Hoffnung nicht auf und freue mich darauf, dass er eines Tages in unser Dorf zurückkehrt.
     
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    006 - 26.04.1959
    Nach der Erlassung von Gesetz 10/59 macht sich große Unruhe breit. Anscheinend sind bisher ca. 10.000 Personen inhaftiert und 800 Personen zum Tode verurteilt worden. Bisher scheint das Militärgericht nur Inhaftierung oder Tod zu verurteilen. Nie gab es ein anderes Ergebnis. Abgekartetes Spiel! In unserem Dorf ist die Situation sehr angespannt. Viele Familienmitglieder werden vermisst und keiner weiß irgendwas. Ich spüre, dass die Hoffnungen auf Rückkehr bei den Meisten zu brechen beginnen.

    Hierzulande hört man von bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der ARVN und verschiedenen kleinen Stämme. Das Volk der Kor soll vor einigen Tagen das Dorf teo Reo überfallen haben und dort eine Garnison mit ihren 60 ARVN-Kämpfern ausgerottet haben. Wenigstens ein kleiner Lichtblick.
     
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    007 - 02.06.1959
    Die Zahl der inhaftierten und zum Tode verurteilten “Regierungsgegner” steigt stetig. Heute wurde - wohl auf Druck der Amerikaner - eine Bodenreform ausgerufen und eingeleitet.

    Diese verordnet das Enteignen von Feldern kleiner Bauern und die Abgabe ihrer Nutzfläche an Großgrundbesitzer. Wir sind ratlos und haben keine Ahnung, ob diese sinnlose Reform wirklich durchgeführt wird. Noch hoffen wir das Beste. Sollte uns wirklich der Boden genommen werden, haben wir keine Möglichkeit unser bisher schon schwieriges Überleben zu sichern.
     
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    008 - 07.06.1959
    Heute kahmen ARVN-Soldaten zu uns und nahmen uns unsere Felder. Mein Vater versuchte sich zu widersetzen und wurde von einem ARVN-Soldaten ins Gesicht geschlagen. Ihm geht es wieder gut - aber wie ich ihn kenne kann er das nicht auf sich sitzen lassen. Meine Mutter kümmert sich gut um ihn und versucht ihn zu beruhigen. Auch andere haben versucht sich zu widersetzen, doch sie kamen weniger gut davon. In unserem Dorf ist es sehr ruhig geworden und es wird kaum miteinander gesprochen.
     
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    009 - 27.07.1959
    Heute wurden Zahlen veröffentlicht, welche die Ausmaße der Bodenreform darlegten. Uns geht es sehr schlecht und meine Eltern sind verzweifelt. Der größte Bauer unseres Dorfes hat Teile seines Bodens zurück erhalten, jedoch weit weniger, als er abgegeben hatte. Alle anderen Bauern sind bisher leer ausgegangen.
    Angeblich wurden Landesweit über 650.000 Hektar Land enteignet, die Regierung gab jedoch nur 244.000 Hektar Land an private Bauern zurück. Wir hoffen, dass wir bald wieder etwas Land zurückbekommen werden, um uns über Wasser halten zu können.
     
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    10 - 05.09.1959
    Heute wurde öffentlich bekannt gegeben, dass die örtlichen Selbstverwaltungsorgane abgeschafft werden. Dies bedeutet zum Beispiel, dass uns ab jetzt keine Entscheidungsmöglichkeit mehr über Deich- und Straßenbau gegeben wird. Die Verwaltung soll auswärtigen Regierungsbeamten aus dem Norden übergeben werden. Die haben doch gar keine Ahnung von unseren lokalen Gegebenheiten! Ich habe das Gefühl, mein Land verändert sich - alles scheint plötzlich so fremd … eben nicht mehr so wie früher.

    Bisher haben wir noch keinen Boden zurück erhalten. Auch andere Bauern haben ihr Land nicht zurück bekommen. Selbst unserem Großbauern geht es nicht sonderlich gut. Er musste viel zurückstecken und seine Arbeitskräfte entlassen. Wir verarmen immer mehr und können kaum noch etwas zum Essen bezahlen. Oft gehe ich mit meinem Vater fischen, um unser Abendessen zu sichern. Zum Glück beißen die Fische gut. Ich denke oft an meinen Bruder, aber merke, wie meine Hoffnung beginnt zur Verzweiflung zu werden.

    Ich habe gehört, dass sich nicht weit von unserem Dorf eine Widerstandsbewegung bildet. Ob da etwas dran ist weiß ich leider nicht, aber ich gebe zu ich habe schon nach ihnen gesucht. Natürlich wären meine Eltern nicht begeistert, wenn ich mich dem Widerstand anschließen würde, aber wir können uns das einfach nicht mehr gefallen lassen!
     
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    11 - 21.09.1959
    Unsere Verwaltungsorgane wurden durch Regierungsvertreter aus dem Norden besetzt und ich habe das Gefühl, dass sich unsere Lage seitdem deutlich verschlechtert hat.
    Die Gerüchte über Widerstandsgruppen haben sich heute bestätigt, denn ich habe von mehreren Angriffen einer kleinen aber heldenhaften Guerilla Gruppe gehört. Sie sollen mit selbstgebauten Armbrüsten und Rohrbomben kleinere Angriffe durchgeführt haben. Man erzählt nur 10% der Kämpfer hatten Gewehre und es waren nur wenige hundert Schuss Munition vorhanden. Die Widerstandskämpfer hatten wohl sehr wenige Verlusten zu verzeichnen.

    Ich freue mich über diese guten Nachrichten und habe den Entschluss gefasst, mich erneut auf die Suche nach ihnen zu begeben. Zum Glück habe ich erste Anhaltspunkte über die Position ihres Verstecks erhalten. Bald werde ich prüfen, ob diese der Wahrheit entsprechen.
     
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    12 - 23.09.1959
    Unsere Situation wird immer schlechter und man spürt deutlich die militärische Kontrolle in unserer Gegend. Heute in der Nacht zog ich los um den Widerstand zu finden. Es war nicht leicht meine Familie zu verlassen. Ich hinterließ ihnen einen Abschiedsbrief, welchen ich hier sinngemäß wiederhole:

    Hallo Mutter, hallo Vater. Ich weiß, es ist schwer hinzunehmen, dass ihr heute morgen ein leeres Bett vorfinden müsst. Es war keine leichte Entscheidung von Zuhause weg zu gehen, aber ich kann nicht länger zuschauen, wie sich unsere Situation von Tag zu Tag verschlechtert. Unser Land ist nicht mehr, was es vorher war und ich habe mich entschlossen für die Gerechtigkeit zu kämpfen. Heute Nacht habe ich mich auf die Suche nach den Widerstandskämpfern begeben um meinen Teil zum Frieden beizutragen. Ich hoffe euch geht es gut. Bitte macht euch keine Sorgen um mich. Ich hoffe eines Tages mit meinem Bruder nach Hause zurückkehren zu können. Bleibt stark und haltet die Füße still, lehnt euch nicht auf und sucht mich nicht. Ihr seid alles, was ich zu verlieren habe.
    In Liebe, euer Dung.


    Die Suche nach den Kämpfern gestaltete sich sehr schwierig, denn die Informationen waren nicht sehr genau und stellten sich gegen Mittag als falsch heraus. In einem anderen Dorf erhielt ich zum Glück weitere Informationen und konnte am späten Nachmittag das Versteck der Kämpfer finden. Fast alle Personen die ich befragte wussten nichts von einem Widerstand und verspotteten mich, doch endlich bin ich an meinem Ziel und freue mich, dass ich in den Widerstand aufgenommen wurde. Ich möchte voller Vorfreude auf die nächsten Monate gern einiges über unser Versteck erzählen.

    Unser Anführer heißt “Queyh Thang”. Thang bedeutet in unserem Volk “Triumph”, was mich auf gute Zeiten hoffen lässt. Er ist ein ehemaliger Viet Minh-Kämpfer und floh nach den Kämpfen in Saigon, welche dem Zerschlagen der Sekten dienten 1955 nicht nach Nordvietnam. Er besetzte schon im ersten Indochinakrieg niedere Kommandoposten und entschied sich nun dazu den Widerstand in unserer Gegend zu bilden. Als ich mich bei ihm vorstellte erzählte er mir von seinem bäuerlichen Leben und zeigte Mitgefühl für die Situation von mir und meinen Eltern.
    In unserer Einheit befinden sich zur Zeit 260 Mann, davon sind wohl rund 100 bewaffnet. Darunter befinden sich meist junge Personen wie ich, alte Widerstandskämpfer und desertierte ARVN-Soldaten, welche sich nach den ersten Guerilla-Angriffen unserer Bewegung anschlossen.

    Ich fühle mich hier wohl, und die Moral der Kämpfer ist sehr beflügelnd. Nun trete ich die erste Nacht in unserem Lager an. Viele unserer 260 Mann sind zur Zeit nicht hier. Wahrscheinlich patrouillieren sie in der nahen Umgebung oder befinden sich in einem nächtlichen Angriff auf kleine ARVN-Stützpunkte.
     
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    13 - 13.02.1960
    Hallo Tagebuch,
    ich habe mich hier im Camp schon mit einigen Gleichgesinnten angefreundet und die Moral ist sehr gut. Fast wöchentlich erringen wir Siege über kleine ARVN Gruppen ohne Verluste oder Verletzte zu verzeichnen. Wir konnten sogar einige Waffen organisieren.

    Ich vermisse meine Familie und mein Dorf, doch zurückgekehrt bin ich bisher nicht. Zu groß ist meine Angst niemanden vorzufinden. In den vergangenen Wochen erreichten die Terroraktionen der ARVN ihren Höhepunkt. Das im Fort Tua Hai stationierte ARVN-Regiment kehrte neulich von einem Großeinsatz zurück, in dessen Verlauf nach unseren Informationen hunderte von Bauern in unserer Provinz Tay Ninh ermordet wurden.
    Ende Januar begann die ARVN wohl eine Operation, in der sie nicht nur ehemalige Widerstandskämpfer aufspüren wollten, sondern auch junge und kräftige Männer für die ARVN aushebten. Die jungen Leute flohen zu tausenden in die Wälder, einige haben unser Lager hier erreicht und sind zu uns gestoßen. Die ARVN plünderte daraufhin die Hütten der Bewohner, schleppten alle Nahrungsmittel und Tiere fort und stahlen alle Geschenke für das Mondneujahrsfest (ende Februar).

    Die jungen Überläufer sind sehr aufgebracht und in unserem Lager macht sich eine große und mächtige Wut breit. Es fühlt sich an, als würde die Blase bald platzen.
     
    #14 Ext3R, 23. November 2017
    Zuletzt bearbeitet: 27. November 2017
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    014 | 15.02.1960
    Hallo Tagebuch,

    nachdem ich nun fast ein Jahr im Camp verbracht habe, fand gestern mein erster großer Angriff auf einen Stützpunkt der ARVN statt. Wir waren alle überrascht, als uns unser Anführer Queyh Thang am späten Nachmittag seinen Plan offenbarte.

    Die Vorbereitungen, welche er angesprochen hatte waren in den letzten Wochen kaum zu spüren. Hier nochmal eine kleine Zusammenfassung unserer Vorbereitungen, welche in den letzten Wochen sorgfältig geplant und durchgeführt wurden:
    • Zahlreiche Soldaten in Festung, die mit uns sympathisierten und Informationen nach außen trugen
    • Gefangennahme von Gegnern für Informationen über Bewaffnung, Ausrüstung, Verteidigungspläne, und Ähnliches
    • Anwerben von ca. 500 Bauern als Beute-Träger und Täuschen der Feinde über Angriffskraft
    • Informieren der sympathisierenden Soldaten in Festung über das Vorhaben (2 Tage vor Angriff)
    • Sympathisanten legten Minen an Schlafbaracken und Befestigungsanlagen aus, die um Mitternacht explodieren sollten
    • Verteilen von Flugblättern mit der Aufschrift “Die Selbstverteidigungskräfte des Volks”, um Gegnern den Agriffsgrund zu erläutern

    Gegen 23 Uhr verließen die letzten Gruppen unser Lager und machten sich auf den Weg nach Norden, um sich in der Nähe des Forts zu stationieren. Ich war als Verteidiger unseres Anführers eingeteilt, was mir eine große Ehre war. Somit verließ ich unser Lager als einer der Letzten an diesem Abend und begleitete Queyh Thang zum Kommandoposten. Als wir unsere Position erreichten, hatten sich unsere Kämpfer schon im Wald eingegraben.

    Leider wurde der Kommandeur des Forts über den bevorstehenden Angriff informiert. Wie sich später durch unseren Informanten herausstellte, erhielt er jedoch auf seine Anfrage nach Verstärkung aus Saigon keine Hilfe. Der Provinzkommandeur von Tay Ninh hielt die Festung anscheinend für uneinnehmbar und weigerte sich Verstärkung auszusenden.

    Der Fort-Kommandeur entschied sich wohl unserem Angriff zuvor zu kommen und sendete gegen 22:30 Uhr mehrere hundert Mann zum Haupteingang hinaus, um uns zu suchen. Zum Glück waren unsere Männer zu diesem Zeitpunkt schon sehr gut am Waldrand verschanzt, wodurch wir aus guter Position die heraus strömenden Feinde vernichten konnten ohne selbst große Verluste zu erleiden.

    Trotz der Initiative der ARVN entschied sich Queyh Thang den Plan weiter fortzuführen. Wir hatten immer mit Verstärkung aus Saigon zu rechnen. Darum stationierte Queyh Thang ca. 100 Mann an der Verbindungsstraße nach Saigon, um die mögliche Verstärkung abzufangen.

    Gegen 23:30 Uhr rollten die ersten Wagen mit Beute aus dem Fort in Richtung Süden, um diese im Schutz der Dunkelheit zu verstecken.
    Die Bomben, die um Mitternacht gezündet werden sollten, explodierten erst 01:45 Uhr. Sie zerstörte die Sendeanlage, Mannschaftsbaracken und Munitionslager und versetzte diese sofort in Flammen. Zu dieser Zeit waren schon sehr viele ARVN soldaten im Kreuzfeuer am Osteingang gefallen. Kurz nach den Explosionen konnte eine weitere kleine Gruppe in das Fort eindringen und sich bewaffnen. Sie eroberten einige MG-Stellungen und beschossen die ARVN nun auch mit ihren eigenen Stellungen. Kugel flogen hin und her und mitten drin wurden hektisch alle greifbaren Kisten auf Fahrzeuge verladen und aus dem Fort transportiert. Einige Fahrzeuge wurden später von der ARVN zurückerobert, unsere Männer konnten jedoch fliehen.

    Später, als die Feuergefechte jedoch noch im Vollen Gange waren, erreichten die angeworbenen Beuteträger das Fort und sicherten weitere Waffen und Vorräte. Insgesamt fanden wir an diesem Tag viel mehr Vorräte, als wir uns erträumt hatten. Es waren so viele, dass es uns unmöglich war, alle mitzunehmen.

    Am frühen Morgen ergaben sich die übrigen ARVN Soldaten. Unsere Kämpfer nahmen mehr als 400 Soldaten gefangen, beluden sie mit Beutekisten und trieben sie aus dem Fort. Nach fast 2 Stunden war die riesige Schlacht am Fronttor vorüber. Die Meldegänger überbrachten den Befehl, das Fort schnellstmöglich zu räumen. Alle Kämpfer zogen sich zur Sammelstelle zurück. Viele ARVN Soldaten erkannten unsere Absichten und liefen zu uns über. Die Anderen wurden ohne Beute auf halber Strecke zurück zum Fort geschickt. Wir erklärten ihnen deutlich, dass wir beim nächsten Angriff deutlich weniger Rücksicht nehmen würden.

    Queyh Thang und die Sicherungsgruppe in der ich mich befand hatten mit vielen Hinterhalten auf dem Weg zurück ins Lager zutun. Im Schutz der dunkelheit gelang es uns jedoch zu unsern Männern an der Sammelstelle zu stoßen.



    Folgen:
    Am gestrigen Abend hatten wir bemerkenswert wenige Verluste zu erleiden. Von unseren hunderten Kämpfern kehrten ungefähr 15 nicht wieder zurück. Die ARVN hat im Gegensatz deutlich höhere Verluste erlitten. Mehrere hundert Mann wurden verletzt und getötet. Weitere 200 sind zu uns übergelaufen. Auch wenn diese Zahl hoch klingen mag, sind die Verluste im Vergleich zur Mannstärke der ARVN sehr gering.

    Heute trafen auch die letzten Fahrzeuge - darunter zwei Schützenpanzer - in unserem Lager ein. Nach einem ersten Blick haben wir folgendes gezählt:
    • 2 Schützenpanzer
    • 5 rückstoßfreie Waffen
    • 40 MG´s + Ersatzteile
    • 100’000 Schuss Munition

    Trotz unserer gefallenen Freunde ist die Moral in unserer Gruppe besser als ich es bisher in meinem Jahr beim Widerstand erlebt habe. Dieser angriff war mehr als erfolgreich, auch wenn seine Militärischen Auswirkung eher gering waren.
     
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    15 | 18.02.1960
    Liebes Tagebuch,

    heute beginnt das Mondneujahrsfest und die Freude ist groß. Es ist das wichtigste Fest in Vietnam und wird auch Fest des ersten Morgens (Tet) genannt. Wir feiern das neue Jahr nach unserem Mondkalender, welcher heute beginnt. Unser Fest dauert drei Tage. Doch nicht nur Freude begleitet uns an diesem Tag. Es ist eine alte Tradition, dieses Fest zusammen mit der ganzen Familie zu feiern und viele von uns müssen an unsere Freunde und Verwandten denken.

    Unter unserem Neujahrsbaum liegen erbeutete Essensvorräte und Waffen. Wir veranstalten ein riesiges Festmahl in unserem Lager.

    Nicht nur das Neujahrsfest ist in diesen Tagen zu feiern. Auch unser ehrenhafter Sieg über Tua Hai wird gebürtig gefeiert. Obwohl der Militärische Erfolg nicht nennenswert war, möchte ich hier über die Auswirkungen unseres Sieges in den letzten Tagen berichten.

    In Saigon reagierte man laut unseren Informationen sehr hysterisch auf die unerwartete Niederlage. Die Regierung startete eine riesige Propaganda Kampagne. Lautsprecherwagen rollten die letzten Tage durch die ganze Provinz, welche von Angriffen und großer Grausamkeit des Widerstands berichteten. Ziel war es, dass die Bevölkerung Angst vor dem Widerstand bekommt, doch meistens wurde das Gegenteil bewirkt. Die Menschen nahmen die Niederlage mit großer Schadenfreude entgegen und in viele Dörfer applaudierten und Ergriffen offen Partei für uns.
    Auf meiner Reise zum Widerstand fragte ich in vielen Dörfern nach Informationen, wo sich der widerstand befinden soll. Damals wusste kaum jemand davon, dass überhaupt ein Widerstand existiere.
    Durch die Propagandaaktion der Regierung wurden viele Bauern darauf aufmerksam und suchten den Kontakt zu uns.


    Unsere Beute wird bald von Trägern in andere Provinzen geschafft. Wird werden auch andere Widerstandsgruppen ausrüsten, welche den Kontakt zu uns aufgenommen haben. Unsere alten Waffen haben wir den Bauern gegeben.
    Mit dem Sieg über Tau Hai eröffnet sich ein neues Kapitel im Kampf gegen die Regierung.
     
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    16 | 28.02.1960
    Hallo Tagebuch,

    über zehn Tage sind nun vergangen, als wir Tua Hai angriffen. In diesem Monat ist sehr viel geschehen. Mehr als 200 weitere Soldaten der ARVN desertierten aus Tau Hai und schlossen sich uns an. Unser Lager war sehr überfüllt und einige gingen in andere Lager nicht weit von uns entfernt. Manche von uns ergriffen die Initiative und gründeten neue Lager. Die Komplette Kompanie aus Tai Ninh lief vorgestern geschlossen zu uns über. Wir waren sehr geschockt, als plötzlich mehrere hundert bewaffnete Soldaten aus dem Gebüsch in unser Lager kahmen.
    Heute zählt allein unser Bataillon unter der Führung von Queyt Thang 350 gut ausgerüstete Kämpfer.
     
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